Fridolin

Tag zusammen. Ich bin Fridolin. Kater. Sechs Jahre jung. Fünf Kilo geballte Persönlichkeit. Ich bin jetzt seit einer Weile Gast in diesem -wie soll ich sagen- “All-inclusive-Resort mit Ausgangssperre”, das sie Tierheim nennen. Um ehrlich zu sein: Die Architektur hier ist mir viel zu symmetrisch: Wände. Türen. Und überhaupt - hier drin ist alles so... sauber. Und geregelt. Sogar die Fütterungszeiten. Statt Asphalt unter den Pfoten gibt es hier Decken und Desinfektionsmittelgeruch. Dabei schlägt in mir schließlich immer noch das Herz eines Vagabunden!

Fundkater! Dass ich nicht lache! Als hätte ich mich verlaufen. Ich verlaufe mich nicht. Ich erweitere nur temporär meinen Horizont. Ja, man sieht mir meine Vergangenheit an. Ich bin kein graziler Fensterbank-Hocker, der den ganzen Tag Schmetterlinge und Bienchen zählt. Mit meinen zugegeben paar stolzen Kilos an Lebendmasse bin ich eher der Typ „bulliger Türsteher“. Anfangs habe ich hier drin auch erstmal klargestellt, was ich von dieser Zwangs-Wellness halte. Meine Laune war – vorsichtig formuliert – unterirdisch. Aber sind wir doch mal ehrlich: Draußen war ich eine Legende und wenn man jahrelang sein Revier selbst verwaltet, seine Mahlzeiten eigenständig organisiert und nachts unter freiem Himmel patrouilliert, dann stellt man eben nicht einfach so schnurrend den Bauch zur Begrüßung hin!

Da ich aber ein Profi bin, habe ich meine Strategie geändert. Mein aktueller Status: Dekoratives Element in der Katzenhöhle! Ja, ich habe das Konzept der „Katzenhöhle“ perfektioniert. Ich bewege mich so wenig und atme so flach, dass man mich fast zur Inneneinrichtung zählen könnte! Aber unterschätzen sollte man mich nicht. Ich beobachte. Ich analysiere. Ich arbeite innerlich an meinem Imagewandel. Vom grantigen Wildfang zum… nun ja… vielleicht nicht gleich zum Schmusekater (wir wollen es ja nicht übertreiben!), aber zu vielleicht zu einer etwas netteren Version - immerhin.

Aber gut, eins stimmt: Das regelmäßige Catering hier hat gewisse Vorzüge. Man muss nicht mehr um jede Maus verhandeln. Ich beobachte diese Optimisten auf zwei Beinen inzwischen immer mal aus dem Schatten meiner Höhle heraus. Sie sagen ja, sie hätten Geduld mit mir. Und dass ich bestimmt irgendwann auftauen werde, wenn man mir nur genug Zeit lässt. Ich sage: Ich habe die besseren Nerven. Aber ich muss ja schon zugeben: Interessant finde ich euch ja schon irgendwie - besonders, wenn ihr mit diesen leckeren Fleischwurst-Stückchen vor meiner Nase rumwedelt. Aber da sitzen halt immer dieses Fridolin-Engelchen auf der einen und dieses Fridolin-Teufelchen auf der anderen Schulter, die dann heftig diskutieren und so stehe ich dann da - hin- und hergerissen zwischen Neugier und Fluchtreflex. Man könnte fast sagen, ich stehe mir mit meiner Prachtstatur selbst im Weg. Ein ängstliches Kitten perfekt getarnt als stattlicher Kater mit Plauze.

Aber ich habe festgestellt, dass mir eure Stimmen gefallen. Besonders wenn sie ganz ruhig und warm klingen. Vielleicht könnten wir uns also - so ganz hypothetisch- auf einen kleinen Deal einigen: Keine übermotivierten Annäherungsversuche, schon gar kein übereiltes Gestreichele. Du setzt dich einfach mit in meinen Raum. Mit ausreichend Sicherheitsabstand. Und liest mir was vor. Irgendetwas. Ein Buch. Eine Zeitung. Von mir aus auch eine Klatschspalte über C-Promis und die Königshäuser– solange deine Stimme freundlich bleibt. Ich bleibe währenddessen selbstverständlich in meiner Höhle. Offiziell desinteressiert. Inoffiziell mit aufmerksam in deine Richtung gedrehten Ohren. Ich lausche. Gewöhne mich an den Klang. An deine Anwesenheit. Daran, dass nichts passiert. Dass niemand was von mir verlangt. Und vielleicht, ganz vielleicht, wage ich eines Tages den mutigen Schritt aus meiner Höhle. Erst eine Pfote. Dann die zweite. Und irgendwann vielleicht sogar mein ganzes stattliches Ich.

Und wenn ich dann – irgendwann – über mich hinauswachse, was bei meiner Körpermasse durchaus beeindruckend wäre, dann könnte ich mir durchaus vorstellen, eine freundschaftliche Beziehung zu „meinem“ Menschen aufzubauen. Eine mit gegenseitigem Respekt. Und wer weiß, vielleicht später sogar wieder mit Freigang. Ein bisschen Vagabundenleben 2.0! Dann könnte aus dieser schüchternen Höhlendekoration ein echter Gefährte werden. Einer, der Bindung nicht leichtfertig verteilt, aber wenn, dann ehrlich. Bis dahin bin ich Fridolin. Auf der Suche nach Menschen, die verstehen, dass man fünf Kilo Vertrauen nicht erzwingen kann. Und der, wenn es ganz still ist, davon träumt, dass er draußen wieder der Boss ist.

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende.

Da uns wirklich jeder Cent hilft, können Sie uns gerne mit einer Geldspende unterstützen.
Selbstverständlich können Sie uns und unsere Fellnasen auch mit Sachspenden in Form von z.B. Futter helfen.

mehr dazu

Diese Website verwendet Cookies.
Dies ermöglicht uns, Ihnen das bestmögliche Nutzererlebnis bieten zu können. Mehr Informationen dazu finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.
Mit der weiteren Nutzung unserer Internetseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Akzeptieren und speichern